Sie
erreichen einen Popularität, von der ein Michael Schumacher, ein Boris
Becker oder irgendein Fußballspieler in Deutschland nur träumen kann -
die Toreros in Spanien, so auch auf Mallorca. Sie sind Volkshelden.
Menschenmassen strömen in die Arenen, wenn sie ihren Auftritt haben,
zahlen bis zu 8.000 Pesetas (ca. 50 Euro) Eintritt und sitzen dicht
gedrängt auf den Rängen, selbst Treppen und Fluchtwege werden besetzt
und dienen als zusätzlicher Stauraum für die Zuschauer.
Schon Stunden vor dem
Beginn der Veranstaltung herrscht in den Straßen und Gassen rund um den
Placa del Torros, in den Bars und Restaurants sowie in der Arena selbst
eine ausgelassene Volksfeststimmung. Betrunkene sieht man nicht, Alkohol
spielt keine Rolle. Kein Wunder bei Temperaturen um die 35° in der
Sonne. Dagegen sieht man ganze Familien, Mütter und Väter mit ihren
Kindern, ausgestattet mit Kühltaschen und Sitzkissen. Gruppen von
gleichgekleideten Menschen strömen lautstark johlend durch die Straßen
der Arena entgegen.
Man sagt, dass das
einzige was in Spanien wirklich pünktlich beginnt, der Stierkampf ist.
Und so wandelt sich die Volksfeststimmung in der Arena mehr und mehr zu
einem Hexenkessel je näher die Uhr dem Beginn der Veranstaltung rückt.
Selbst wenn nur ein Helfer, ein Ordner oder ein Polizist sich am Rande
des Kampfplatzes zeigt, wird dieser von der Menge mit tosendem Beifall
begrüßt. Beim Einzug der Toreros scheint die Stimmung fast
überzukochen. Selbst ein Hanseat wie ich, dem ein kühles Wesen
nachgesagt wird, wird von dieser Stimmung erfasst und kann sich derer
nicht entziehen.
Jetzt - dies sei vorweg genommen - ist der richtige Zeitpunkt wieder zu
gehen.
Der
"Kampf"
Der eigentliche
Stierkampf, besser: die Show, folgt festgelegten Regeln. Der Stier
spielt dabei eigentlich nur eine Nebenrolle. Die Hauptrolle spielt der
Torero. Mit übertrieber machohafter Gestik, Körperhaltung und
Bewegungen im Beckenbereich attackiert er den schon verletzt in die
Arena getriebenen Stier mit Säbel und Speeren. Ebenso graziös
verkriecht er sich feige hinter den Schutzmauern, wenn der Stier seiner
Rolle einmal nicht gerecht wird und zu einem tatsächlichen Angriff auf
seinen Peiniger ansetzt.
Das Tier blutet und gerät in Panik. Die Schließmuskel des Stieres sind
außer Kontrolle. Er wirft den Kopf wild hin und her, seine Hörner
werden jetzt zu gefährlichen Waffen, die den schönen und gepflegten
Körper des Toreros beschädigen könnten. Es ist an der Zeit, zu der
ein berittener Helfer in die Arena kommt und mit einem langen Speer den
Nackenmuskel des Stieres durchtrennt. Man bedenke: Das Tier ist noch am
Leben! Das Blut läuft in Strömen am Hals des Tieres hinunter, mit
andauernder Zeit wird es sichtlich schwächer. Dem vorgehaltenen roten
Tuch, das die Aggressivität des Stieres steigern soll, folgt das Tier
nur noch widerwillig mit langsamen Bewegungen - das Machogehabe des
Toreros steigert sich in gleichem Maße; militante Feministinnen der
80er würden in ihren Vorurteilen absolut bestätigt...
Sobald der Torero bemerkt, dass sich der Stier seinem Todeskampf
hingibt, keinen ernsthaften Angriff mehr versucht, jagt er ihm seinen
Säbel durch Genick und Lunge in die Herzgegend und wenn der Stier
"Glück" hat, beherrscht der Torero wenigstens diesen Stoss
perfekt, ansonsten verreckt das Tier elendig. Der Torero erhält je nach
Qualität seiner "Leistung" ein oder zwei abgeschnittene Ohren
seines Opfers, bei Glanzleistung obendrein den Schwanz. Damit ist das
Spektakel nach ca. 20 Minuten beendet.
Der
Stier, Der Hunger, Die Bratpfanne
Bis zu seinem recht
zweifelhaften Ende hat der Stier ein wahres Luxusleben genossen. Er
wurde nur für diesen Zweck gezüchtet und hat sein Leben auf saftigen
Wiesen verbracht, durfte die eine oder andere Kuh beglücken und hat
einen engen Stall nur selten von innen gesehen. Er liefert vorzügliches
Fleisch, wessen wir Menschen ihn und seine Artgenossen millionenfach
überhaupt als Haus- und Nutztier halten und züchten, ebenso wie wir
diese Tiere im allgemeinen nicht artgerecht behandeln, zum Teil tagelang
auf Viehtransportern zwischen Deutschland und Polen hin und her karren,
nur um ein paar EU-Subventionen abzukassieren. Welche Behandlung der
Tiere und deren Zurtodebringung nun grausamer und perverser ist, mag
dahingestellt bleiben.
Der Stierkampf in Spanien ist Tradition und Brauchtum. Über Sinn oder
Unsinn von Brauchtümern kann nicht diskutiert werden, es ist
menschliches Verhalten. Stellt man den Stierkampf in Frage, muss man
genauso die Frage stellen, welchen Sinn es macht, im Winter bekleidet in
einem Minirock durch die Düsseldorfer, Kölner oder Mainzer Innenstadt
zu ziehen und andere Leute mit Bonbons zu bewerfen.
Es ist Mittagszeit, mein Magen meldet sich. Ich werde mir heute ein Schweinskotelett
gönnen, bis zum nächsten Steak müssen erst noch ein paar Tage
vergehen... Wer sich mit dem Gedanken trägt, Vegetarier zu werden und
den letzten Anstoß braucht, der sollte einen Stierkampf besuchen - er
könnte aber ebenso einen deutschen Schlachthof besichtigen. |