Du stehst vor einer schlichten Holztür in einer schmalen Gasse der Palmesaner Altstadt. Kein Schild, keine Leuchtreklame, kaum ein Hinweis auf das, was sich dahinter verbirgt. Dann öffnet sich das schwere Tor — und schlagartig ändert sich alles: Der Boden des Eingangs liegt unter frischen Orangen, Granatäpfeln und Weintrauben, die Luft trägt den süßen Duft reifer Früchte und frischer Blumen, irgendwo plätschert ein Brunnen, und aus dem Innenhof zieht klassische Musik wie Nebel durch das Torgewölbe. Das ist Bar Ábaco — seit 1981 eine der theatralischsten Bars der Welt.

Konzept
Can Marcel, das Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert in der Carrer de Sant Joan 1, war einst Adelspalais. Das Erdgeschoss — rund acht Meter hoch, einst Stallungen für Pferde und Kutschen, noch erkennbar an den breiten Torbögen — gibt dem Innenhof seine dramatische Proportion. Seit 1981 beherbergt das akribisch restaurierte Gebäude eine Cocktailbar, die sich bewusst jenseits jeder Mode positioniert: keine DJ-Kanzel, keine Tanzfläche, kein Lifestyle-Label. Nur Kulisse. Nur Erlebnis. Die Financial Times bezeichnete Ábaco einmal als „surely the most remarkable bar in the world” — und wer den ersten Schritt in diesen Hof getan hat, versteht warum.

Atmosphäre
Der zentrale Innenhof ist Bühne und Bar zugleich. Kerzen flackern, Springbrunnen plätschern, klassische Musik legt sich als kaum wahrnehmbarer Klangteppich über den Raum. An den Wänden: antike Möbel, vergoldete Rokoko-Spiegel, großformatige Gemälde, surrealistische Kunstwerke, mallorquinische Wandteppiche, handbemalte Keramik. Schwere Holzbalken überspannen die Decke, ein großer offener Kamin zieht die Blicke auf sich — und überall frische Früchte-Arrangements aus Orangen, Trauben und Granatäpfeln, drapiert wie flämische Stillleben: Dekoration und olfaktorisches Signal in einem.
Die Treppe ins Obergeschoss solltest du unbedingt nehmen. Dort öffnen sich elegante Salons mit Originalmöbeln aus der Adelszeit — fast wie ein kleines Privatmuseum. Wer diese Räume nicht betritt, hat nur die halbe Bar gesehen. An der Fassade befinden sich Sphinx-Figuren, deren weibliche Merkmale der Legende nach verkleinert wurden, um den Moralvorstellungen jener Zeit zu entsprechen — eine kolportierte Anekdote, die gut zur Widersprüchlichkeit dieses Ortes passt.
An bestimmten Abenden regnen Rosenblätter vom Balkon auf die Gäste im Innenhof herab — eine Überraschung, die sich nicht planen lässt und nicht durchgängig praktiziert wird, aber zur Legende von Ábaco gehört.
Drinks
Das Angebot umfasst Signature- und klassische Cocktails sowie eine kuratierte Auswahl an Champagner und Premium-Spirituosen, zubereitet mit frischen, hochwertigen Zutaten. Konkrete Cocktail-Namen sind nicht öffentlich dokumentiert. Die Gästebewertungen der Drinks sind ehrlich gespalten: Manche loben sie als kreativ und liebevoll gemacht, andere empfinden Qualität und Preis in keinem befriedigenden Verhältnis. Bar Ábaco ist kein Craft-Cocktail-Labor — wer hier ein Getränk bestellt, kauft vor allem Ambiente, klassische Musik und eine Kulisse, die weltweit ihresgleichen sucht. Wer genau das will, macht den richtigen Pakt.
Für wen & welche Anlässe
Der romantischste Drink des Urlaubs. Ein besonderer Abend zu zweit. Der unvergessliche erste Eindruck für Architektur- und Geschichts-Enthusiasten, die ein intaktes mallorquinisches Adelspalais von innen erleben wollen. Touristen und Locals besuchen Ábaco gleichermaßen — als Kontrastprogramm zum durchschnittlichen Strandurlaub, als Gesprächsstoff, als Beweis, dass Palma mehr zu bieten hat als Sonnenschirm-Gastronomie. Das Preisniveau ist gehoben. Für einen langen Trinkabend mit mehreren Runden ist das Angebot möglicherweise nicht das stimmigste — als bewusster Erlebnis-Stop ist es unübertroffen.
Insider-Tipp
Komm am frühen Abend, wenn der Innenhof sich langsam füllt und die Bar richtig zum Leben erwacht. Wer sitzen möchte: an der Bar bekommst du schneller einen Platz als auf einen Tisch zu warten. Nimm auf jeden Fall die Treppe ins Obergeschoss — die Original-Salons der Adelszeit sind ein eigener Besuchsgrund. Fotografieren ist im Inneren offiziell eingeschränkt; das Personal nimmt das ernst.




