mallorca-news

Mallorca-Forscher berechnen, wie Meinungen kippen

Verantwortlich für den Inhalt: Frank Menze

Gesellschaftliche Meinungen können in einem Modell abrupt von einer polarisierten Lage in breiten Konsens kippen. Ein Forschungsteam des Instituts für Interdisziplinäre Physik und Komplexe Systeme (Ifisc) der Universität der Balearen (UIB) in Palma hat dafür ein mathematisches Modell entwickelt. Die Universität stellte die Studie am Donnerstag vor.

Das Modell untersucht, wie sich Meinungen verändern, wenn Menschen entweder der Mehrheit folgen oder sich bewusst von ihr absetzen. Die Forscher nutzen dafür Werkzeuge der stochastischen Thermodynamik, also einen mathematischen Ansatz, der hier nicht auf Energiesysteme, sondern auf Informationen und Wahrscheinlichkeiten angewendet wird.

Mehrheit folgen oder bewusst anders denken

Das Modell setzt zwei mögliche Positionen und zwei Verhaltensweisen voraus. Konformität bedeutet dabei, dass Menschen die Mehrheitsmeinung ihres Umfelds übernehmen. Antikonformität beschreibt den Wechsel der Haltung, wenn viele andere gleich denken – mit dem Ziel, sich zu unterscheiden.

Je nachdem, welche dieser beiden Kräfte stärker wirkt, ergeben sich laut UIB unterschiedliche Szenarien. Die Gesellschaft kann zwischen zwei Meinungen ungefähr gleich geteilt bleiben. Sie kann aber auch in einen Zustand gelangen, in dem fast alle dieselbe Ansicht vertreten.

Ähnlich wie ein Wechsel des Wasserzustands

Die Forscher zeigen, dass die Veränderungen im Modell einer Regel ähneln, die als zweite Hauptsatz der Thermodynamik bekannt ist. Sie begrenzt demnach, wie sich kollektive Diskurse spontan entwickeln können. Zudem nutzt die Studie sogenannte Fluktuationstheoreme, um Schwankungen und Vorhersagbarkeit von Meinungsströmungen über die Zeit einzugrenzen.

Ändern sich bestimmte kritische Parameter, kann die öffentliche Meinung laut Modell plötzlich umschlagen. Die UIB vergleicht das mit Wasser, das beim Überschreiten einer Temperaturschwelle seinen Zustand wechselt. Ein zuvor polarisierter und ungeordneter Diskurs kann dann abrupt in einen allgemeinen Konsens übergehen.

Studienleiter Gonzalo Manzano betont, dass die stochastische Thermodynamik nicht zwingend an Energiesysteme gebunden sei. Falls sich reale Meinungswechsel künftig detailliert genug beobachten lassen, könnten die Formeln nach Angaben der Autoren mit Daten aus Alltagssituationen abgeglichen werden.

Quelle: Europa Press / Mallorca.com